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Globales Bewußtsein
Text von Walter Krahe
Vermutlich hat schon jeder Mensch in seinem Leben einmal staunend vor einem Ameisenhaufen oder einem anderen Insektenstaat gestanden und sich über die pausenlosen Aktivitäten und das scheinbar geordnete Miteinander dieser unzähligen kleinen Lebewesen gewundert. Erinnern Sie sich an Ihre eigenen Gedanken und Gefühle, die Sie dabei hatten? Manch ein Philosoph sieht in so einem kooperierenden Insektenvolk die Realisierung des kommunistischen Ideals. Andere sehen darin den Beweis für den Entwicklungsstillstand solcher sozialistisch-totalitären Systeme. Tatsächlich haben sich die meisten dieser Insekten in den letzten 20 Millionen Jahren der Evolution kaum noch verändert. Interessanterweise aber wird heutzutage die kollektive Intelligenz solcher Insektenvölker als Vorbild bei der Entwicklung der sogenannten künstlichen Intelligenz genommen. Bemerkenswert ist auch ihre unglaublich große Anzahl und ihre erfolgreiche Verbreitung über die ganze Erde. Würde man alle auf der Erde lebenden Ameisen, Termiten, Bienen und Wespen wiegen, dann hätten sie ein ähnlich großes Gewicht wie alle 6,2 Milliarden Menschen. Deshalb gelten neben dem Menschen, den Ratten und den Bakterien auch die Ameisen und Termiten als heimliche Herrscher des Planeten. Fliegt man beispielsweise über Amazonien, dann kann man aus dem Flugzeug die Ameisensäure erkennen, die diese Tiere von sich geben, ganz ähnlich, wie man aus dem Weltraum die zunehmende Umweltverschmutzung auf der Erde beobachten kann. Was eigentlich würde man denken und fühlen, wenn man die Erde und die dort lebenden Menschen aus der Weltraumperspektive beobachten könnte genauso wie einen Ameisenstaat? Stellen Sie sich einmal vor, Sie selber hätten eine Perspektive, von der aus Sie die Erde und die Menschen nicht nur sehen, sondern sogar auch verstehen könnten! Sie brauchen jetzt keine Höhenangst zu bekommen, denn Sie können nicht runterfallen. In der Schwerelosigkeit des Weltraums zieht Sie nichts nach unten. Es gibt es kein verbindliches Unten und Oben, sondern immer nur Ihre eigene, schwebende Perspektive. Hier klebt niemand mit seinen Füßen auf einer runden Kugel, auf deren anderen Seite vielleicht gerade ein Wal herumschwimmt. Plötzlich werden Sie sich bewusst, dass der Himmel nicht über Ihnen ist, sondern dass Sie selber ein Teil von ihm sind und immer schon waren. Sie haben sich schon immer in diesem scheinbar unendlichen Weltraum befunden. Sie haben es nur nicht gewusst, weil Sie die Erde unter Ihren Füßen fühlten und einen blauen Himmel über sich sahen. Der aber ist in Wirklichkeit eine völlige Illusion. Hier im Weltraum ist tiefe Nacht. Die unglaubliche Dunkelheit und Stille erschreckt sie vollkommen. Sie hören nur noch Ihre eigenen Gedanken und nehmen wahr, wie eine Illusion nach der anderen in ihrem Kopf wie ein Luftballon zerplatzt. Die Erde, die vor Ihnen schwebt, ist wunderschön, aber völlig zerbrechlich. Sie ist überhaupt kein sicherer Ort, wie man normalerweise denkt. Man kann sie zwar nicht wie einen Ameisenstaat mit einigen Fußtritten zerstören, aber die z.B. für das Leben unbedingt notwendige Erdatmosphäre, deren zunehmende Verschmutzung immer sichtbarer wird, ist mit maximal 1000 km extrem dünn. Das entspricht ungefähr nur der Länge Deutschlands bzw. macht nur 15% des Erddurchmessers aus. Die Erde selber, am Rande einer Galaxie, ist wie ein Staubkorn im riesigen Weltraum. Weit und breit ist kein anderer Planet zu sehen, auf dem die Menschen leben könnten. Sollte dieses wunderschöne "Raumschiff Erde" kaputtgehen bzw. sollten allein nur die Schäden in der Erdatmosphäre etwas größer werden, dann gäbe es wohl bald keine Menschen mehr - vielleicht noch Ratten, Ameisen oder Bakterien. Als nächstes würde man schmerzlich erkennen, wie begrenzt der Lebensraum Erde für die immer größer werdende Zahl von Menschen in Wirklichkeit ist. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Menschen in ihrem eigenen Mist versinken und ihre eigene Lebensgrundlage, die Natur, restlos ausgebeutet und zerstört haben. Am meisten aber erschüttert Sie der geistige Zustand, des angeblich so klugen Homo sapiens sapiens. In maßloser Arroganz hält er sich selber für die Krone der Schöpfung, obwohl er – zumindest im Moment - tatsächlich der Gipfel der Zerstörung ist. Die meiste Zeit schaffen es die Menschen immer noch nicht, einmal ihre eigene Perspektive zu verlassen und auch eine andere einzunehmen. Ihre meist armselige Sicht der Dinge machen sie zur Norm, zum Maß aller Dinge. Fast jeder glaubt so, dass er Recht hat. Viele Menschen sind immer noch überwiegend Sklaven ihrer eigenen Emotionen, durch die ihr Denken und Handeln die meiste Zeit bestimmt wird. Deshalb ist ihr Verhalten oft äußerst dumm und hat mit Einsicht und einem redlichen Verstand nur wenig zu tun. Außerdem begrenzen sie ihr Denken immer wieder durch eine völlig einseitige "Entweder-oder-Logik", weshalb sie die Komplexität des Lebens oft nicht erkennen können. Genauso begrenzt sind auch ihre teilweise völlig extremen Gesellschaftssysteme: Einmal machen sie sich selber zur Marionette eines kommunistischen Kollektivs, das andere Mal zum "Kapitalisten-Rambo" - auch Homo oeconomicus genannt -, dem jegliche Moral nur ein Hindernis ist. Auch durch die Vielzahl der unterschiedlichen Religionen und Heilslehren lassen sich Menschen verwirren. Gibt es nicht einfach zu viele solcher vermeintlich absoluten Wahrheiten, zu viele Heilsbringer und Wahrheits-Lehrer, zu viele heilige Berge,Flüsse, Plätze, Tempel und Riten oder aber fehlt den meisten Menschen vielleicht einfach nur die notwendige spirituelle Tiefe? Ist Spiritualität möglicherweise die nächste Stufe der geistigen Evolution? Der "Menschenstaat", den man so aus dem Weltraum sieht, ist in großer Unordnung und Gefahr. Aufgrund der begrenzten Perspektive vieler Einzelner bekämpfen sich die Menschen meistens, anstatt miteinander zu kooperieren. Sie verschwenden so die Energie, die sie dringend bräuchten, um intelligentere Lebensformen auf der Erde zu entwickeln. Welche Einsichten aber bräuchte das notwendige globale Bewusstsein? Man selber ist nicht das einzige Lebewesen. Man selber ist nicht der einzige Mensch. Man braucht sich gegenseitig. Um sinnvoll leben zu können, muss man Verantwortung tragen und kooperieren. Die eigene Kultur, die eigene Religion, die eigene Denk- und Lebensweise, die eigene Perspektive und die eigenen Emotionen sind nicht die einzigen. Benötigt wird Empathie und eine Intelligenz, die einen dazu befähigt, mit Unterschieden und scheinbaren Gegensätzen konstruktiv umzugehen. Man sollte bereit sein, voneinander zu lernen und sich und seine Qualitäten auch in den Dienst gemeinnütziger Interessen zu stellen. Wer im Leben aufhört zu lernen, ist als denkender Mensch tot, denn wir sind lernende Wesen. Das ist unsere Identität. Wenn man Wissen teilt, wird es nicht weniger, sondern mehr. Das ist das fruchtbare Miteinander, das wir Menschen brauchen. Unsere Heimat Erde aber, die braucht jetzt uns, denn sie ist einzigartig. |